Technologiegewinnung und internationale Standortwahl

TEGIS

Die Ergebnisse des Projekts sind ausführlich in der Habilitationsschrift des Verfassers dokumentiert, welche im Herbst 2000 fertiggestellt wurde.

 

Die Arbeit trägt den Titel:

 

Erfolgsfaktoren der Technologiegewinnung von Hochtechnologieunternehmen

Eine Untersuchung von Pharma- und Halbleiterunternehmen in Deutschland und Japan

 

 
Kurzzusammenfassung der Ergebnisse

Die Technologiegewinnung, d.h. die Gewinnung von technologischem Wissen für neue Produkte und Produktionsprozesse von Unternehmen ist in technologieintensiven Industriezweigen in den letzten beiden Jahrzehnten von zwei langfristigen Trends gekennzeichnet: der Internationalisierung und der Externalisierung von Technologiegewinnungsaktivitäten. In Reaktion auf diese Entwicklungen wurden bereits zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt, um die Relevanz verschiedener Bedingungen für die Struktur sowie den Erfolg der Technologiegewinnung zu ergründen. Der bisherige Erkenntnisstand zu diesem Thema gründet sich jedoch fast ausschließlich auf Partialbeobachtungen von Zusammenhängen zwischen einzelnen Einflussfaktoren und der Struktur oder dem Erfolg der Technologiegewinnung. Darüber hinaus beziehen sich die meisten vorliegenden empirischen Studien ausschließlich auf einzelne Länder und Industriezweige, weshalb fraglich bleibt, inwieweit ihre Ergebnisse verallgemeinert werden können.

Um einen detaillierten Gesamtüberblick über die Relevanz unternehmensinterner und -externer Einflussfaktoren für die Technologiegewinnung von Hochtechnologieunternehmen zu gewinnen, wurde im zweiten Halbjahr 1999 eine umfangreiche empirische Untersuchung 16 führender deutscher und japanischer Pharma- und Halbleiterunternehmen durchgeführt. Im Einzelnen wurden dabei die folgenden Informationen verwertet:

  1. quantitative Strukturdaten zur F&E der Unternehmen
  2. Ergebnisse einer schriftlichen Befragung von 165 F&E-Bereichsleitern der Unternehmen
  3. Ergebnisse von Interviews mit 44 leitenden Mitarbeitern der Unternehmen und
  4. Patentdaten und andere exogene Informationen zur Überprüfung der erfolgsbezogenen Ergebnisse.

Es wurde ein mehrstufiger kontingenztheoretischer Ansatz gewählt, um

  1. die direkten Wirkungen von Einflussfaktoren auf den Technologiegewinnungserfolg,
  2. die Wirkungen der Einflussfaktoren auf die Technologiegewinnungsstruktur,
  3. die Wirkungen der Technologiegewinnungsstruktur auf den Technologiegewinnungserfolg sowie
  4. Interdependenzen zwischen einzelnen Einflussfaktoren sowie Struktur- und Erfolgskomponenten der Technologiegewinnung

zu untersuchen.

Aufgrund einer detaillierten statistischen Korrelations- und Kausalanalyse wurden die folgenden Einflussfaktoren als primär bedeutend für den Technologiegewinnungserfolg identifiziert:

  • das technologische Niveau von und die Geschäftsbeziehungen mit Zulieferern und Abnehmern,
  • das technologische Niveau von Forschungseinrichtungen und die Zugangsbedingungen für Kooperationen mit Forschungseinrichtungen,
  • der Zugriff auf qualifiziertes F&E-Personal und
  • die Internationalisierung der unternehmensinternen Technologiegewinnung.

Darüber hinaus deuten die Ergebnisse darauf hin, dass das unternehmensinterne Wissensmanagement sowie die strategische Fokussierung der Technologiegewinnungsaktivitäten auf günstig positionierte Bereiche eine bedeutende Rolle für den Technologiegewinnungserfolg spielen. Andere Faktoren wie die politisch-rechtlich-administrativen Rahmenbedingungen, aber auch die räumliche Nähe zu externen Technologiequellen erwiesen sich demgegenüber als weniger relevant.

Im Vergleich zwischen Pharma- und Halbleiterunternehmen zeigte sich eine stärkere Internationalisierung und Externalisierung der Technologiegewinnung der Pharmaunternehmen als der Halbleiterunternehmen, wobei die erfolgsbezogenen Unterschiede aber nur gering sind.

In länderspezifischer Sicht stellte sich hingegen heraus, dass die Einschätzung des Technologiegewinnungserfolgs bei den Mitarbeitern der deutschen Unternehmen durchweg signifikant günstiger ist als bei den japanischen Unternehmen. Dieser Unterschied ist bei den Halbleiterunternehmen noch ausgeprägter als bei den Pharmaunternehmen. Die günstigere Erfolgseinschätzung der deutschen Unternehmen kann darauf zurückgeführt werden, dass

  • ihre interne Technologiegewinnung stärker internationalisiert ist,
  • sie bessere Voraussetzungen für die technologische Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen vorfinden,
  • sie ein extensiveres Wissensmanagement betreiben und
  • ihre Technologiegewinnungsaktivitäten stärker fokussiert ist.

Eine Überprüfung der Erfolgseinschätzungen anhand von Daten des US-Patentamtes zeigt, dass die deutschen Unternehmen im Pharmabereich hier deutlich günstiger positioniert sind und ihren Vorsprung gegenüber den japanischen Unternehmen eher noch ausbauen konnten, während die japanischen Unternehmen in der Halbleiterindustrie zwar noch absolute Vorteile haben, diese Vorteile in den letzten Jahren aber stark geschrumpft sind. Die im Rahmen der Untersuchung abgegebenen Erfolgseinschätzungen werden somit tendenziell bestätigt, scheinen aber stärker auf dynamische Entwicklungen als auf zeitpunktbezogene Wettbewerbspositionen der Unternehmen zu rekurrieren.

Im Kontext des theoretischen Bezugsrahmens der Arbeit konnte damit ein wesentlicher Beitrag zur umfassenden Klärung der direkten Wirkungen von Einflussfaktoren auf den Erfolg der Technologiegewinnung geleistet werden. Bezüglich der Strukturwirkungen von Einflussfaktoren sowie der strukturbedingten Erfolgswirkungen sind die Ergebnisse hingegen uneinheitlich. Im länderspezifischen Vergleich stark divergierende Präferenzen der Fragebogenrespondenten bezüglich des Einsatzes interner, kooperativer oder externer Technologiegewinnung zur Erreichung von Teilzielen der Technologiegewinnung legen den Schluss nahe, dass insbesondere strukturbedingte Erfolgswirkungen stark kontextabhängig sind und sich einer universellen Analyse weitgehend entziehen. Schließlich wurden positive Interdependenzen zwischen einzelnen Einflussfaktoren sowie Struktur- und Erfolgskomponenten der Technologiegewinnung festgestellt. Insbesondere sind interne, kooperative und externe Technologiegewinnung sta rk komplementär und sollten deshalb bei zukünftigen wissenschaftlichen Studien nicht isoliert, sondern gemeinsam betrachtet werden.

Die Untersuchungsergebnisse lassen sich für die betriebswirtschaftliche Praxis erstens als Grundlage für eine individuelle Schwachstellenanalyse in Bezug auf die als kritische Erfolgsfaktoren identifizierten Einflussfaktoren der Technologiegewinnung nutzen. Zweitens weisen die Resultate insbesondere darauf hin, dass die fortgesetzte Internationalisierung der F&E von zentraler Bedeutung für den Technologiegewinnungserfolg von großen Hochtechnologieunternehmen ist.

  • Projektbericht (pdf)
  • Arbeitsbericht 10 (The Impact of Internationalization and Externalization on the Technology Acquisition Performance of High-Tech Firms, pdf)
  • Arbeitsbericht 11 (Erfolgswirkungen der internationalen Organisation von Technologiegewinnungsaktivitäten,pdf)
  • Arbeitsbericht 12 (Erfolgsfaktoren der Technologiegewinnung von F&E-intensiven Großunternehmen, pdf)

Ansprechpartner:

 Dr. Martin Hemmert